Auf das Essen, viel weniger auf das Trinken, könnten wir gut eine Weile verzichten; es könnte uns sogar guttun. Atmen aber ist immer notwendig für unser Leben. Atmet eine Person nicht mehr, sind lebensrettende Sofortmassnahmen nötig. 

Eines Tages sagte Basu zu uns: «Warum bietet ihr nicht einen Yoga-Kurs bei euch in der Schweiz an?» Basu stammt aus Dänemark und war als Banker in den USA unterwegs, bevor er sich als Yoga-Lehrer wiederfand. Jetzt lebt und unterrichtet er in Griechenland und in Indien. Basu hat uns eingeführt ins Kriya Yoga, das Yoga des befreienden Atems.  

Jetzt bieten wir einen Yoga-Kurs in Solothurn an (www.yoga-60plus.ch), unter dem Motto: «Yoga kennt kein Alter». Regelmässig werden wir gefragt: «Bin ich nicht zu alt für Yoga?» Denn Yoga, das seien doch diese akrobatischen Übungen. Regelmässig ist unsere Antwort: «Zu alt für befreites Atmen?!»

Das Atmen be-lebt unseren Körper. Atmen erschafft Leben. In dieser Schöpfungskraft des Atems haben die Menschen, in den unterschiedlichsten Kulturen, von Anfang an etwas Heiliges gesehen. 

Mit dem Atem, mit dem Atmen kommen – in uns selbst – Körper und Spiritualität zusammen.

Schon ein kurzer Überflug über die Territorien weltberühmter Begriffe führt uns das vor Augen.

  • Spiritus ist lateinisch für «Atem», bedeutet aber auch «Geist»; unter Umständen ist er gar heilig.
    Aber warum Spirituosen auch als «geistige Getränke» geheiligt werden, nun, das ist ein anderes Thema.
  • Pneuma ist altgriechisch, πνεμα, und wird übersetzt mit «Atem», «Hauch», «Luft», aber auch mit «Geist»; nahe dran am Heiligen.
    Die Pneumonie hat es wohl schon immer gegeben, im Winter, doch wir Menschen heizen unsere «Atemwegserkrankungen» zusätzlich an, wir rauchen, wir verschmutzen unsere Atemluft, mutwillig; etwas weniger freiwillig, aber nicht weniger verheerend für ihre Lungen handeln die Armen in Tansania, zum Beispiel, indem sie ihren täglichen Ugali-Brei über dem offenen Holzfeuer kochen, in schlecht gelüfteten Hütten …
  • Ruach ist hebräisch, «Atem»; dies blies der Gott des Alten Testaments seinem aus Erde geformten Adam in die Nase ein – und erweckte ihn damit zum Leben.
    Jahwe ist zwar männlich, aber rûa, רוּחַ, ist weiblich. 

Der chinesische Begriff Qì  gehört in unseren Zusammenhang. Und natürlich das berühmte pranayama aus dem Sanskrit, zusammengesetzt aus den beiden Wurzeln prana, «Leben», «Atemenergie», und  yama, «Zügelung», «Kontrolle». Im Buch «Yoga Anatomie», von Leslie Kaminoff und Amy Matthews, habe ich dazu folgende wunderbare Etymologie gefunden: «Ein tieferes Verständnis des Begriffes ergibt sich, wenn man das langgezogene zweite ‹a› (Pranaayama) beachtet. Das bedeutet, dass die zweite Wurzel ayama lautet. Das Sanskrit-Präfix a negiert das darauffolgende Wort.» Die eigentlich passende Übersetzung von pranayama sei also nicht «Kontrolle des Atems», sondern: Nicht-Kontrolle, das heisst «Befreiung des Atems»!

Unser Atem, sagen Leslie und Amy, das sei unser eigener, unser bester Yoga-Lehrer: Befreites, gelöstes Atmen und Aufdeckung und Lösung von Verspannungen in unserem Körper, das gehe Hand in Hand.

Anmerkung zum «Corona-Virus-Notregime» in der Schweiz: Rauchen war während der gesamten Episode erlaubt. Unser Yoga-Kurs war wochenlang verboten.