Trauerfeiern – Hochzeiten – Ferien für Trauernde

Ich sagte es bereits (Über mich), eine ordentliche Berufsausbildung habe ich nie abgeschlossen. Darum habe ich vieles gemacht. Und lerne immer wieder Neues.

Meine Partnerin Regina und ich – in der Sehnsucht nach dem ganz anderen haben wir uns gefunden, Regina als richtige Theologin, ich als Abgebrochener, also eher ihr Assistent. Wir begleiten Menschen. Wir begleiten Menschen durch eine Trauerfeier. Oder an einer Hochzeit. Und auf Ferien für Trauernde.
Dies für Menschen, die sich durch die offiziellen Kirchen nicht mehr angesprochen fühlen, denen aber etwas Wesentliches fehlen würde, wenn sie sich mit Verwaltungsakten, amtl. bewill., begnügen sollten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
https://www.trauerrede-beerdigung.ch

Zürich, im Februar 2020

Eine Trauerrede – mit etwas zum Schmunzeln

Ende Februar 2020 habe ich eine Trauerrede gehalten. In der vollgepackten Kapelle wurden Tränen geweint – aber es wurde auch geschmunzelt …

«Lieber Bill

Lieber Bill, du hattest uns für heute aufgetragen:
seid froh, und lacht doch auch mal, wenn ihr an mich denkt.
Okay, wir versuchen das:
Aber das schleckt jetzt keine Geiss weg
dass wir jetzt hier versammelt sind – und nicht auf dem Deich, wo du so gern warst, dort, wo man sich schräg stellen muss, damit man nicht umgepustet wird.
Da werden wohl auch ein paar Tränen kommen, vielleicht auch bei mir …  

Aber, wie ich von deiner Betty und von deinen beiden Töchtern gehört habe, passt das zusammen: das Lachen mit dir, und das Weinen über dich

Du kennst mich nicht, Bill. Aber weisst du was? Es ist mir, als ob ich dich kennen würde, als ob ich dir längst begegnet wäre, nicht erst am letzten Sonnabend, als ich zum ersten Mal von dir hörte.

  • Ein Weltenbummler seist du
  • mit 62 frühpensioniert, nicht ganz freiwillig 
  • anschliessend Anschaffung eines Wohnmobils –
  • und schliesslich deine swiss connection: das lief nicht über ein Nummernkonto an der Bahnhofstrasse, sondern über die Liebe, natürlich zu einer ganz speziellen Schweizerin.
    ((Hier wurde geschmunzelt.)) 

Da hätten wir kilometerlang Seemannsgarn spinnen können, bei einem kühlen Jever vielleicht. Ja, das liebe Bier. Je nachdem, an welcher Haltestelle unseres Lebens wir uns getroffen hätten: Bei einem Bier wären wir nicht stehen geblieben. Davon gäbe es ein trauriges Lied zu singen – wenn ich denn singen könnte. 

Bill. Der Bill. Unser Bill.

Was war er für einer? Was macht er mit uns?

Bill lässt einem keine Wahl. Man – oder Frau – muss ihn einfach liebhaben,
auch wenn einem das nicht sofort klar ist.

Da gab`s dieses blind date, unterwegs natürlich, auf einem Schiff natürlich, und eigentlich fand Betty den Bill es bitzli gruusig … lange Haare, Bierfahne … und wie er ihr dann erklären wollte, wie sie ihre Seekrankheit, ja nicht gegen den Wind … das wollen wir uns hier und jetzt im Detail gar nicht vorstellen. ((Hier wurde sehr geschmunzelt.))

Doch es schwante der jungen Betty bald: am Bill, da ist was dran. 
Ja, es war ein blind date mit Widerhaken:
Betty blieb hängen, und nie hat sich eine Ahnung schöner bestätigt.

Aber der erste Eindruck hatte nicht getrogen.
Wir haben es gehört: beim Geld, beim Alkohol, da sollten sich Abgründe auftun.

Das hätte Bill auch gar nicht abgestritten. So leidenschaftlich Bill die Menschen liebte, so leidenschaftlich sie ihn zurücklieben: wollte man ihm einen Heiligenschein umhängen, nun, da hätte er bloss gesagt: 

«Ihr habt sie wohl nicht mehr alle.» ((Hier wurde hörbar geschmunzelt.))
Kein Blatt vor den Mund.
So musste man Bill akzeptieren. Tochter Anna hat das früh gecheckt.
Wenn er ihr dumm kam, kam sie ihm dumm zurück.
Da konnte er nicht meckern. Von ihm hatte sie es ja.
Lieb haben sie sich trotzdem. Sehr. ((Hier gab es Tränen.))

Doch der alte Wolf, er wurde mild, vermutlich auch das nicht ganz freiwillig.
Auf seiner Rentnerliege – so nannte er den Strandkorb, sein Lieblingsmöbel – da wurde ihm richtig warm ums Herz. Und Tochter Maya durfte ihn jetzt sogar durch die Untiefen der Finanzen lotsen.

Zum Schluss seiner Safari auf unserer Erde brauchte Bill sogar eine Reiseleiterin. Doch er machte kein Drama draus. Bill wusste, bei seiner Betty, da war er in den besten Händen: 
wenn SOS gefunkt wurde, dann waren all hands on deck.
Das wusste Bill, das gab ihm Frieden. ((Hier gab es Tränen; aber keine traurigen.))

Gibt es einen schöneren Liebesdienst?

Ich bin in Brunsbüttelkoog auf diese Welt gekommen. Da hat die Elbe so ihre Tücken und ihre Untiefen, da sind gute Lotsen gefragt.
So einen wünsch ich dir, lieber Bill, so einen wünsche ich uns allen.
Auf dass wir immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel haben.»

Ob es nicht bedrückend sei, mit trauernden Menschen zu tun zu haben, bin ich gefragt worden. Nein! Ich habe hier keine so genannten Berührungsängste. Im Gegenteil. Wer sich mir in seiner Trauer anvertraut, wer gerade in diesem Augenblick meine Nähe schätzt – von dem fühle ich mich beschenkt. 
Vielleicht hilft mir die Begegnung, mich von meiner eigenen Angst zu befreien.  

Zuchwil, im Sommer 2016

Sie wollten sich – unbedingt

Das junge Paar möchte nicht in der Kirche heiraten. Aber es will unbedingt heiraten:

Sie, die Schweizerin, bisschen Torschluss-Sorge. Nicht nur, weil es Jüngere gibt, Hübschere, Schlankere. Da macht sie sich nichts vor. Sondern weil sie an einer Krankheit leidet, die verhindert, dass sie Kinder haben kann. 

Er, der Ägypter. Deutlich jünger. Ein Strahlemann. Will unbedingt seiner Armut entfliehen. Er dürfte es schaffen. Sein Deutsch ist schon jetzt überraschend gut.

Sie war solo in den Ferien, am Roten Meer, er bediente an der Bar. «Seine dunklen Augen haben mich verzaubert», sagt sie. «Ich werde sie immer lieben», schwört er. 

Wir machen uns Gedanken. Und geben ihnen unseren Segen. Dafür sind sie sehr dankbar.

Sarnersee, im Sommer 2017

Nie wieder – lachen mit Trauernden

Eine Woche Ferien mit Trauernden, für Trauernde. Eine kleine Gruppe. Ältere Frauen. Eine jüngere. Ein älterer Mann. 

Am Vormittag ist Trauern das Thema. Skepsis kommt auf. Was mache ich hier? Wer will meine Geschichte hören? Eine Frau fasst sich ein Herz: «Wenn Bekannte mich kommen sehen, wechseln sie auf die andere Strassenseite.» Eine andere berichtet, man habe ihr gesagt, es müsse auch mal genug sein mit der Trauer. 

Alle nicken, alle verstehen.

Von ihren Verstorbenen erzählen sie, liebevoll. Lächeln. Nachsinnend. 

Schnitt, am dritten Tag. Bestürzung. Regina hat einen zerbrochenen Spiegel auf den Boden gelegt, auf einem schrecklich schwarzen Tuch. Allen ist der Schrecken anzusehen. 

Niemand spricht. Alle wissen. Das Lachen der Verstorbenen, ihre Umarmung … nie wieder.

Nie wieder.  

Unsere Woche nimmt ihren Lauf. Am Nachmittag machen wir Ausflüge in die Umgebung. Jetzt fällt die Last ab. Wer unser ausgelassenes Lachen hört … eine Trauergruppe? Ja, eine Trauergruppe.

Wir machen eine Bootsfahrt. Ein kleines Ausflugsschiff. Unser alter Herr hat eine verrückte Idee, der Kapitän macht mit, und dann übernimmt Kurt das Steuer, mit Kapitänsmütze. Wie ein Schulausflug.

Am Abend lese ich vor: «Das volle Leben. Frauen über achtzig erzählen» und aus dem entsprechenden Band der Männer über achtzig.