Unter Menschen

Unter Menschen

Wenn es ein Land gäbe,

– wo die Menschen sich herzlich umarmen, wie normale Menschen

– wo sie offen lachen miteinander, normale Menschen

– wo «social distancing» oder ein «Verweilverbot», wie neuerdings in deutschen Städten verfügt, so fremd sind, dass man, wollte man so etwas befehlen, die Menschen gleich töten könnte

– wo niemand sich maskiert unter Menschen bewegt, angeblich zu ihrem Schutz

– wo die Läden, die Restaurants, die Hotels geöffnet sind

– und wo Gäste willkommen sind –

wäre das Utopia? Ein Ort, den es nicht (mehr) gibt?

Das Land heisst Tansania. Ich hatte es vor «Corona» bereits zehnmal besucht. Jetzt, im Februar 2021, war es ein Kampf. Bis ich dort war: PCR-Tests, Schnelltests, Flug annulliert, Umbuchungen, Zusatzkosten … hohe Kosten. Doch ich wurde reich belohnt. Von den Menschen. «Karibu sana», sagen sie auf Suaheli – «herzlich willkommen!» Wir haben uns kräftig die Hände geschüttelt, wir haben uns herzlich umarmt, wir haben uns offen angelacht.

Um das gleich klarzustellen: Ich habe nicht die Absicht, Tansania romantisch zu verklären, es ist ein Land, das

– ganz unten rangiert auf dem Human Development Index der Uno, letztes Jahr Rang 154 von 189 Ländern

– wo sauberes Wasser für viele Menschen Luxus ist

– wo viele Menschen am Morgen nicht wissen, was sie am Abend essen – und ob.

Aber Tansania ist ein Land, Globalthema Corona hin oder her,

– in dem Kinder wie Kinder spielen können, nicht mit Masken gequält werden, angeblich zu ihrem Schutz

– in dem ältere Menschen, schutzbedürftige Menschen nicht weggesperrt werden, angeblich zu ihrem Schutz

– in dem die Menschen nicht gehindert oder behindert werden, ihrem Lebensunterhalt nachzukommen, angeblich zu ihrem Schutz.

Ein Land, schlicht und einfach, wo Menschen wie Menschen leben.

Niemand käme hier auf die Idee, einen Politiker, oder sonst eine Person, für die selbstverständlichste aller Feststellungen zu kritisieren: dass es unabdingbar zu unserem Menschsein gehört, dass wir eines Tages sterben. Wie es dem St. Galler Regierungspräsidenten widerfuhr.

Der Präsident des Landes, John Magufuli, beschloss im Mai letzten Jahres, «Corona» für Tansania für beendet zu erklären, Corona-Tests werden seither nicht mehr durchgeführt. Das Land geht einen eigenen Weg. Wie sonst nur noch Schweden. Ohne Tests. Ohne Masken. Ohne Lockdowns. Es widersetzte sich dem Wahn, Sars-CoV-2 «den Krieg zu erklären», ein Virus, das sich rasant global verbreitete und, kaum da, rasch mutierte, «in den Griff zu bekommen», koste es, was es wolle. Bis heute sind die Kosten, die Schäden, die Verheerungen dieses Krieges ins Unermessliche gewachsen, und dies alles ohne epidemiologische Legitimation.

Dafür wird Tansania natürlich kritisiert. Allerdings nicht heftig. Das Land ist wohl nicht interessant genug, kommerziell. So mahnte die WHO Tansania kürzlich, «Corona» endlich ernst zu nehmen. Es seien «einige Tansanier im Ausland positiv auf Covid-19 getestet worden». Was mit diesen Menschen passierte, ob sie tatsächlich erkrankten, ob sie schwer erkrankten oder ob sie gar starben, das erfuhren wir nicht.

Auch die internationalen Medien haben mitbekommen, dass Tansania selbst bestimmt, wie es mit «Corona» umgeht. In einem Podcast der «Neuen Zürcher Zeitung» wurde, mit erhobenem Zeigefinger, Kritik laut: einige Totengräber hätten von erhöhten Sterbefällen berichtet. Und? Dem mitdenkenden Zeitgenossen erschliesst sich der Sinn einer solchen Aussage nicht. Und dann noch dies: Zwei Däninnen seien Mitte Januar positiv auf die südafrikanische Variante getestet worden. Und? Haben sie überlebt? Das dürfen wir annehmen. Denn sonst hätten wir es erfahren!

Es ist offensichtlich: Die empirisch-epidemiologische Grundlage, um den tansanischen Präsidenten für seine eigenständige Politik zu kritisieren, ist erbärmlich. Prompt ist er ins Lächerliche gezogen worden. Er habe seinem Volk weismachen wollen, Gebete hätten das Land vor «Corona» beschützt und Dampfbäder und traditionell verwendete Heilkräuter – wie von ihm empfohlen. Wie kann man nur! Eine Attitüde, deren blanker Rassismus kaum kaschiert ist.

Wohl um deeskalierend auf die WHO und die Nachbarstaaten einzuwirken, empfahl Magufuli kürzlich das Tragen von Masken, um sofort hinzuzufügen: aber nur von in Tansania produzierten. Ausländischen sei nicht zu trauen – und den Impfstoffen von Big Pharma sowieso nicht!  

Um auch dies klarzustellen: Tansania, seine Regierung, seine Behörden, wissen sehr wohl zu differenzieren.  Im Jahr 2019 kam es an der Grenze zur DR Kongo zu einem Ebola(!)-Ausbruch! Es war klar, ein Übergreifen auf Tansania hätte nicht verleugnet werden können, es hätte Tausende Menschenleben gefordert und es hätte ein sehr rasches, brutales Ende des so wichtigen Safari-Tourismus bedeutet, der für Tausende Arbeitsplätze und für bedeutsame Deviseneinnahmen sorgt. Die tansanischen Behörden haben gehandelt. Und während Ebola in verschiedenen Regionen Afrikas immer wieder ausbricht, erst dieser Tage in Guinea, ist Tansania verschont geblieben!   

Nicht verschont bleibt Tansania hingegen von seinen zur Genüge bekannten Problemen. Malaria zum Beispiel. Gemäss dem Forschungsportal malariaspot.org sterben allein hier jedes Jahr rund 80’000 Menschen an dieser Krankheit, die meisten davon sind Kinder. Und die bereits erwähnte Armut ist neuerdings noch akut verschärft worden, denn jetzt bleiben die ausländischen Safari-Touristen wegen des globalen Corona-Regimes aus. Wer es dennoch ins Land schafft, ist im Tarangire-Nationalpark, im Ngorongoro-Krater, in der Serengeti praktisch allein unterwegs. Hat einen speziellen Zauber. Doch die Parkeinnahmen fehlen schmerzlich, denn jetzt können die Ranger nicht mehr bezahlt werden. Und das freut die Wilderer …

All das interessiert international nicht. Tansania ist «Corona-kommerziell» uninteressant, mit diesem Land ist kein «Corona-Geschäft» zu machen, nicht mit Tests, nicht mit Masken und auch nicht mit Impfstoffen. So lässt man es im Stich mit seinen grossen Problemen.

Und doch: Tansania ist ein Land, in dem ich mich unter Menschen bewege, unter Menschen, die immer Zeit haben für ein Lächeln, für einen freundlichen Gruss, für einen small talk: «asante sana» – ich danke euch herzlich für eure Gastfreundschaft.

(*Der Autor war jahrelang als Reiseleiter für einen Schweizer Veranstalter in Tansania unterwegs. Unterdessen führt er, zusammen mit seinen tansanischen Freunden, Safaris in Eigenregie durch.)

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