Der Wahn vom ewigen Leben

Der Wahn vom ewigen Leben

Eine 90-jährige(!) Frau aus dem Kanton Luzern hat am 23. Dezember 2020 offiziell die erste COVID-19-Impfung in der Schweiz erhalten. Ich wünsche diesem Menschen von Herzen alles Gute. Aber mich stört grundsätzlich etwas an dieser Meldung. In diesem «Corona-Jahr» waren gelegentlich Stimmen zu hören gewesen, die diese Krise als Chance verstehen wollten, um innezuhalten, tief durchzuatmen zu reflektieren: Was machen wir mit unserem Leben? Sollen wir so weiterfahren? Klimaerwärmung – Waffenexporte – Flüchtlingsströme – zunehmendes Wohlstandsgefälle: Es gäbe genug Themen, Probleme, Fragen, um zur Besinnung zu kommen.

Doch diese Stimmen sind untergegangen im Corona-Getöse: Wir erklären dem Virus den Krieg (Emanuel Macron); wir müssen das Virus bekämpfen; wir müssen es in den Griff bekommen; wir müssen es ausrotten.

Zwischenbemerkung: ein offiziell hochansteckendes, längst und permanent mutierendes, global verbreitetes Virus «in den Griff bekommen»?

Der Kriegsrhetorik entsprechen die Mittel. Gegen den «Feind» müssen Waffen eingesetzt werden: Tests und Impfstoffe. Wirtschaftliches Handeln wurde weitgehend verboten, zwischenmenschliche Kontakte wurden verboten. Mit zweifelhaftem medizinischem Gewinn, aber mit unermesslichen Schäden – und letztlich ohne den gewünschten und versprochenen Erfolg.

Daher jetzt die Fixierung auf die Impfung. Das Allheilmittel. Gegen das Virus. Gegen Kranksein. Und auch gegen unsere Angst vor dem Sterben. Die Kirchen haben abgewirtschaftet, auf krasseste Weise aktuell symbolisiert dadurch, dass sie jetzt praktisch geschlossen sind, ausgerechnet jetzt. Singen ist verboten!

Da bleibt nur die Technik, die medizinisch-wissenschaftliche Technologie – und womöglich gelingt es ihr darum so leicht, «Allheilmittel» zu präsentieren, weil wir, die Laien, von dieser Technologie nichts verstehen; wir dürfen uns also damit begnügen zu glauben. Jetzt also die Impfung gegen COVID-19. Und dann gegen COVID-20, -21, -22 … und überhaupt: «Impfungen» gegen Herzinfarkt? Leberkrebs? Lungenkrebs? Leukämie? Diabetes?

So verfallen wir dem Wahn, das Corona-Virus, eigentlich alle Viren, «in den Griff zu bekommen», es «wegmachen» zu können, aber auch dem Wahn, Krankheiten überhaupt «wegmachen» zu können – und letztlich, irgendwie, auch das Sterben.

Machen wir mit diesem Wahn, mit diesem Grössenwahn nicht auch unser Menschsein weg?

Und alles nur, um nur immer wieder erneut zu erleben, wir haben «es» nicht im Griff!

Immer wieder rennen wir davon, in unserer unseligen Panik, rennen weg vor unserer Angst zu sterben – und werden jedes Mal brutal ausgebremst: wir sind wieder, blind vor Angst, in die Sackgasse gerannt. Und der Tod folgt uns. Auf Schritt und Tritt.    

Je verklärender die Verheissungen einer technisierten – und kommerzialisierten – Medizin, desto niederschmetternder die zwangsläufige Ernüchterung, das Brutale:

Ihr habt «es» nicht im Griff!

Macht uns das alles wirklich «immun»? Stärker? Gesünder? Mutiger? Gelassener? Versöhnter? Lebensbejahender? Liebevoller?

Meine Freunde in Tansania verstehen unser Konzept nicht. Sie kommen gar nicht auf die Idee, sich einem Knopfdruck-Allheilmittel, sich dieser Versicherungs- und Absicherungsmentalität gegen das Sterben zu verschreiben. (Wer weiss: vielleicht würden sie, hätten sie das Geld…) Denn der Tod gehört zu ihrem Alltag, sie sind ständig mit ihm konfrontiert. Mit dem Tod gerade auch von Kindern. Das nehmen sie keineswegs einfach so hin, ihr Schmerz ist unermesslich, sie schreien ihn heraus; und sie lassen Freunde und sogar Fremde daran teilnehmen. Für meinen Taxifahrer in Moshi war es etwas Natürliches, etwas Menschliches, mich ans Grab seines verstorbenen Söhnchens zu führen. Wir verweilten einen Augenblick. Da war Trauer. Und Mitgefühl. Von Mensch zu Mensch, von Vater zu Vater. Schwarz, Weiss, das spielte keine Rolle. Kein Drama. Kein Theater. «So ist das Leben.» Wir haben «es» nicht im Griff. Aber wir leben. Bis wir sterben.

In Tansania habe ich die freudvollsten, die liebevollsten, die herzlichsten Menschen erlebt; Menschen, die mit unglaublicher Flexibilität und Kreativität, mit Hoffnung und mit Gelassenheit ihren Alltag bewältigen – und häufig am Morgen nicht wissen, was sie am Abend essen. Oder ob.

Das gibt mir zu denken. Ich möchte nicht bewerten. Wir haben unsere Kultur, die Menschen in Tansania ihre. Wir könnten nicht ohne Weiteres dort leben, sie nicht ohne Weiteres hier.

Aber wir könnten, wenn wir es wollten, über all dies frei sprechen, zuerst in unserer Gesellschaft, dann in der «Menschheitsfamilie», wie Daniele Ganser das nennt.

Ich denke, dieses freie Gespräch könnte unsere Angst lindern. Das wünsche ich uns allen: Befreiung von unserer Angst. Zu sterben. Damit wir leben …

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