Mut, Märchen, Glaubenskriege

Mut, Märchen, Glaubenskriege

Das lieben wir: «Geschichten aus 1001 Nacht». Ali Baba! Sindbad! Scheherazade! Märchenhaftes Morgenland. Oder die Grimm‘schen Märchen, auch wenn sie grimmig daherkommen, wie in «Hänsel und Gretel». Oder «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen. Wir lassen uns entführen und verführen, wir fiebern mit, wir lassen uns Angst machen und geniessen es, denn wir machen uns Mut, dass am Ende alles gut wird. Heimlich schämen wir uns, vielleicht, dass wir einen «Kaiser» feiern, während ein einzelnes Kind einfach hinschaut und frei sagt, was es sieht: Der «Kaiser» steht ja in der Unterhose da!

Märchen halt, Kindheit, Geschichten von vorgestern. Jetzt aber sind wir aufgeklärt, erwachsen. Wir denken selbstständig. Wirklich?

Das neue Zauberwort der öffentlichen Kommunikation heisst: Narrativ. So sagte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in einem «WOZ»-Interview: Wir, die SRG, «müssen als Schweizer unsere Geschichte erzählen». Und das gehe nicht allein über Nachrichtensendungen. Das sehen Politikerinnen und Unternehmensführer nicht anders. Sie erzählen Geschichten. Mit einem bestimmten Zweck. Gemäss Wikipedia gilt seit den 1990er-Jahren als Narrativ eine sinnstiftende Erzählung, die beeinflusst, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Boris Johnson erzählt sein Brexit-Narrativ für Grossbritannien, Netanyahus Narrativ präsentiert ihn als Friedens- oder wenigstens Sicherheitspolitiker, Erdogan träumt öffentlich sein Grosstürkei-Narrativ. Sie alle können auf eine glühende Anhängerschaft zählen.

Ich halte den gegenwärtigen Präsidenten der USA für gefährlich, für den Frieden, für die Demokratie. Aber: Auch Donald Trump hat sich nicht ins Weisse Haus geputscht. Er wurde demokratisch gewählt. Mit dem von Ex-Schauspieler und Amtsvorgänger Ronald Reagan abgekupferten Slogan: «Make America Great Again»! Daraus hat Trump das Narrativ seiner Präsidentschaft gemacht. So erfolgreich, dass sogar seine Wiederwahl bis vor Kurzem als höchst wahrscheinlich galt. Gemäss de.statista.com, einem deutschen Statistik-Service, lag die Zustimmungsrate für Trump am Stichtag 13. Mai bei 49 Prozent!

Sachliche Analysen, die die Problematik von Trumps Politik untersuchen – Verhinderung des Friedens in Nahost, Aufrüstung, Behinderung des Klimaschutzes, Verachtung der Menschenrechte –, sind für Trump-Anhänger offenbar irrelevant. Für ihn selbst auch. «They don‘t love me», sagt er über seine Kritiker. Das sagt alles über seine Persönlichkeit.

Statt Diskurs – Glaubenssache

Trump. Klimawandel. Und jetzt Corona-Politik. Eine Politik, wie jetzt als Antwort auf die Entdeckung des Sars-CoV-2-Virus, hat es in dieser globalen Dimension, in dieser Einheitlichkeit noch nie gegeben. Dabei zeichnen sich nur die ungeheuren, ungeheuerlichen Kosten und Schäden einigermassen klar ab: wirtschaftlich und finanziell, sozial und psychologisch. Den wirtschaftlichen Lockdown können sich vielleicht fünf Länder auf dem Globus leisten, die anderen 195 werden, unter gigantischen Opfern, weiter in die Schuldenabhängigkeit getrieben – ein neuer Kolonialismus; Kranke, alte Menschen starben isoliert in Spitälern, auch an Einsamkeit und Verlassensein, «geschützt» durch einen «Schutz», der ihnen aufgezwungen wurde, zu dem sie nicht befragt wurden und den viele ablehnten; demokratische Recht wurden beschnitten ohne erkennbaren Zusammenhang mit medizinischem Nutzen.

Es gibt rund 200 Länder auf dieser Welt, es gibt noch viel mehr Virologen, und sie sind sich überhaupt nicht einig. Doch das Narrativ unserer Behörden war stärker: «Wir müssen uns schützen! Wir können uns schützen! Dies sind die Vorschriften!» Wer Fragen stellte, wurde abgekanzelt, öffentlich und privat: Bist du etwa Virologe? Nein, bin ich nicht. Aber ich informiere mich. Und ich sehe, es gibt sehr viele offene Fragen. Zu viele für die Rechtfertigung dieses rigiden Corona-Regimes. Ich nehme all die Verbote zur Kenntnis. Aber ich vermisse einiges: Aufklärung zur Stärkung des Immunsystems durch gesunde, pflanzliche Ernährung zum Beispiel. Und die Erinnerung daran, dass wir, nach wie vor, eines guten Tages sterben werden.

Statt Diskurs – Glaubenssachen

Dabei könnten wir so viele Informationen abrufen wie nie zuvor. Und müssten unaufgeregt entscheiden können. Es sind keine Atombomben gefallen!

Nein. Wir lassen uns lieber Märchen erzählen, glauben lieber an Narrative. Das hat entscheidende Vorteile. Märchen suggerieren klare Moral, verheissen Sicherheit, sie teilen die Welt in Gut und Böse – und natürlich ist für mich klar, auf welcher Seite ich stehe.       

Das ist beruhigend, das ist bequem, und das braucht keinen Mut

Womit ich uns an den Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) erinnern möchte. Seine Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, ist ein Klassiker geworden:

«Aufklärung ist die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache dafür nicht Mangel an Verstand, sondern Mangel an Mut ist. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibt und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern zu erheben. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich denkt, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.»
Aufklärung bringt Kant so auf den Punkt:

«Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»

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